Selbstmord war ihr letzter Ausweg – Warum ’13 Reasons Why‘ so sehenswert ist

Sie verschließt die Tür, geht zur Badewanne und lässt sich Wasser ein. Ohne Ihre Klamotten auszuziehen, steigt sie in die Badewanne – Ihr Gesicht blass und ausdruckslos. Kurz sitzt sie einfach nur da, als ob sie darauf wartet, dass doch noch jemand die Tür einbricht und sie aus dem Sumpf aus Hilflosigkeit und Depression zieht, der sie soweit getrieben hatte.

Das Wasser steigt ihr bis zur Brust und sie fängt an, sich langsam und bedächtig die Ärmel hochzukrempeln. Die Rasierklinge, die auf der Badewannenkante liegt, nimmt sie mit Bedacht, als würde es ihr etwas ausmachen, sich in den Finger zu schneiden. Sie setzt an, ein langer, tiefer Zug reicht und das Wasser färbt sich in Windeseile tiefrot. 

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Hannah Baker (gespielt von Katherine Langford) nimmt sich das Leben in der neuen Netflix Originale Serie „Tote Mädchen Lügen nicht“. Dass das kein Spoiler ist, sollte bereits beim Titel der Serie klar sein, doch spätestens nach der ersten Folge weiß man es sowieso. Und das, obwohl erst im Staffelfinale diese, schon in Textform fragwürdig anmutende künstlerische Umsetzung ihres Todes visualisiert wird. Doch worum geht es genau?

„Tote Mädchen lügen nicht“ (engl. Titel: „13 Reasons Why“) erzählt die Geschichte von Hannah Baker und was für Ereignisse sie letztendlich in den Selbstmord getrieben haben in der Retrospektive. Hannah selbst fungiert für den Zuschauer als Erzähler, für die restlichen Charaktere der Serie allerdings auch, denn sie hat vor ihrem Suizid 7 Kassetten aufgenommen, die auf jeder Seite (ausser auf der 14. Seite) ein Ereignis  aus ihrer Vergangenheit genauer erzählen. Diese Kassetten hat sie nur den Personen hinterlassen, die auch mit den jeweiligen Ereignissen im Zusammenhang stehen. Nach ihrem Tod kümmert sich ihr schwuler Freund Tony (gespielt von Christian Navarro) darum, dass alle Kassetten der Reihe nach an die Personen weitergegeben werden, die noch mit den Ereignissen in Verbindung stehen.

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Dass so alle 13 Personen früher oder später auch von den Ereignissen der anderen Personen erfahren, ist zunächst nicht ganz einleuchtend, wird aber im Laufe der ersten Folgen klar. Natürlich will man jetzt unbedingt wissen, um was für Ereignisse es sich denn nun handelt, die Hannah Baker dazu getrieben haben, sich das Leben zu nehmen und ihren Mitmenschen, die sie dafür verantwortlich macht, diese Kassetten zu hinterlassen.

„Warum hast du das nicht zu mir gesagt, als ich noch gelebt habe?“

Doch hier wird man auch in der Serie auf die Folter gespannt, denn Clay Jensen (gespielt von Dylan Minnette), der in der gesamten Serie dabei begleitet wird, wie er sich die Kassetten anhört, macht Hannahs Tod sehr zu schaffen und es fällt ihm schwer, sich von der Stimme einer Toten erzählen zu lassen, was ihr angetan wurde. Daraus resultieren 13 Folgen, gespickt mit jeweils einer Kassettenseite und dem jeweiligen Ereignis, die auch Clay jedes Mal wieder selbst durchleben zu scheint, wenn er die Kassetten hört. 3F1F4C6200000578-4419408-image-a-50_1492462116253

Nun lässt sich die Serie schnell als High-School Drama abstempeln, wenn man nicht richtig aufpasst, allerdings setzt die Serie emotional genau da an, wo Filme wie „17 Again“ oder „Einfach zu haben“ aufhören: Die Charaktere haben Tiefgang, keiner entspricht genau den Klischees, die so gern in High School Filmen bedient werden und als Zuschauer ist es nicht immer ganz einfach, zu erkennen, ob man Mitgefühl oder Verachtung für einige der Charaktere empfinden soll. So ist man hin und her gerissen, als man sieht, wie einer von Hannahs Peinigern zu Hause vor den Augen seiner Drogensüchtigen Mutter von seinem Stiefvater geschlagen und aus dem Haus gejagt wird.

Immer wieder fragt man sich auch: Ist das jetzt tatsächlich Grund genug, sich umzubringen?! War das jetzt wirklich so schlimm? Während das anfangs noch so von den Machern gewollt ist, werden diese Zweifel an Hannahs Werdegang in der Summe und zum Ende der ersten Staffel mit einer brachialen Bildgewalt aus dem Weg geräumt, dass Netflix es für nötig erachtet, vor den letzten beiden Folgen der ersten Staffel sogar explizit davor zu warnen, dass es zu „verstörenden und grafischen Inhalten“ kommt.

Ich möchte über die Serie schreiben zum einen, weil sie meiner Meinung nach ungerechtfertigte Kritik erhalten hat und zum anderen, weil sie mir so gut gefallen hat, dass ich mich nach drei Wochen immer noch frage: „Was hätte ich in der Situation wohl gemacht?“. Wir haben uns alle schon einmal allein gefühlt, waren alle schon einmal verliebt und wussten nicht, wie wir es dem anderen sagen sollten und haben alle schon einmal erlebt, wie jemand ungerecht behandelt wurde. Findet man sich in der Serie also wieder? Auf jeden Fall, es führt gar kein Weg daran vorbei, Parallelen zu ziehen (damit meine ich nicht, Selbstmordgedanken zu haben, sondern situationsspezifische Handlungen), auch wenn das hoffentlich noch niemanden in die Situationen gebracht hatte, in denen sich die Charaktere letztendlich am Ende der ersten Staffel befinden.

I had all and then most of you, some and now none of you, take me back to the night we met.

I don’t know what im supposed to do, haunted by the ghost of you, take me back to the night we met. 

Von Kritikern wurde die Serie in höchsten Tönen für ihr emotionales Feuerwerk gelobt, bei Psychologen, Gesundheitsorganisationen und Helikoptereltern erzeugte sie allerdings deutlich mehr als nur ein Augenbrauen-hochziehen. Sie führe emotional instabile Menschen in den Selbstmord, gibt eine Anleitung zum Suizid und verherrliche die dadurch entstehende Aufmerksamkeit. Ich persönlich kann das nicht nachvollziehen, entweder fehlt mir dazu die Empathie oder das Verantwortungsbewusstsein für meine Mitmenschen, um der Argumentation folgen zu können, oder aber die Serie wird schlichtweg in ihrem Wirkungsradius von einigen Seiten überbewertet. Ich denke nicht, dass eine Serie es schafft, Leute in den Selbstmord zu treiben, die es vorher nicht wollten oder Suizid als legitimen Ausweg verharmlost. Dafür wird zu viel Leid bei den Hinterbliebenen und Freunden veranschaulicht, dafür liegt der Fokus zu sehr auf den Hintergründen der restlichen Charaktere und letztendlich wird Hannahs Selbstmord in einer Art und Weise visualisiert, die wahrscheinlich am meisten Überwindung kostet, wenn man sich tatsächlich das Leben nehmen möchte und daher eher abschreckend wirkt.

Deswegen mein Tipp: Selbst anschauen und entscheiden. Sehenswert ist sie allemal, egal, ob einem das Genre nun anspricht oder nicht. Schon allein für diese Serie würden sich meiner Meinung nach die 8,99€ für ein Netflix Abo oder die Schnorrerei bei Freunden für einen Gastaccount lohnen.

Habedere, 

Max

PS: Hier gehts zum Trailer!

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3 Gedanken zu “Selbstmord war ihr letzter Ausweg – Warum ’13 Reasons Why‘ so sehenswert ist

  1. Servus,
    Also mich hat die Serie genauso gefesselt. Meiner Meinung nach ist sie fesselnd und berührend zugleich. Und nach den 13 Folgen stand man da und, wie du schon sagtest, zieht in einigen Situationen Parallelen zu seinem Leben.
    Besonders das Lied von dem Ball, welches du auch zitiert hast, hat mich so in den Bann gezogen, dass ich tagelang einen Ohrwurm hatte. Ich glaube und hoffe, dass die Serie mehr Menschen anregt ihr handeln zu hinterfragen, als andere zu überzeugen in den Tod zu springen.

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    1. Moin Basti,

      Ja, die Musik in der Serie is generell total passend gewählt und ich hab immernoch einen Ohrwurm haha

      Da die Serie nicht mit erhobenen Zeigefinger auf Mobber zeigt und die Botschaft sehr subtil vermittelt wird, dass auch vermeintlich kleine Sticheleien und Enttäuschungen große Wellen schlagen können, finde ich das auch genau den richtigen Ansatz und ich hoffe auch, dass das viele Menschen auch do. verstehen und erkennen werden.

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