Coming out of the Closet: Meine Geschichte

Ja, zu diesem Thema gibt es wahrscheinlich schon tausende Blog- und Foreneinträge. Jeder erzählt seine eigene, besondere Outinggeschichte und was für schreckliche und überraschende Erfahrungen er dabei gemacht hat. Ich kann mit meiner Outingstory nicht mit vor Wut schäumenden Vätern und  mit Mobbing in der Schule aufwarten und das ist für mich natürlich super. Trotzdem möchte ich meine Erlebnisse mit euch teilen, um auch zu zeigen, dass das Outing kein Leidensweg sein muss, sondern auch eine der schönsten und bewegendsten Momente im Leben eines jungen, schwulen Mannes sein kann.

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Friendzoned: Die beste Freundin

Ich bin in einer Stadt mit ca. 70000 Einwohnern groß geworden und hatte in meiner Teenagerzeit wenig bis gar keine Berührungspunkte mit Homosexualität. Wir hatten keinen CSD, es gab keine Paradiesvögel, die durch die Strassen zogen und ich habe nie schwule Pärchen in der Öffentlichkeit gesehen. Trotzdem wusste ich mit spätestens 14, dass ich mich zu meinen männlichen Freunden hingezogen fühle und an Frauen kein Interesse hatte. Ohne meine damalige beste Freundin Anna* wär mir das sicherlich nicht gelungen. Sie war wahrscheinlich auch die, die noch vor mir wusste, dass ich schwul bin.

Das ist mittlerweile schon so lang her, dass ich es eigentlich nicht zu meinem eigentlichen Outing selbst zähle, es aber ja irgendwie zum Prozess gehört. Gemeinsam mit Anna* gelang es mir nämlich über die Jahre, immer mehr Freundinnen davon zu erzählen und mit ihnen darüber reden zu können. Komischerweise fiel es mir bald schon nicht mehr schwer, meinen weiblichen Freunden davon zu erzählen. Seit der 8. Klasse allerdings begleitete mich bis hin zu meinem Abitur das Gerücht an meiner Schule, dass ich schwul sei. Also mal davon abgesehen, dass es offensichtlich stimmte, hatte niemand meiner Freunde, Bekanntschaften oder Saufkumpanen jemals den Mumm, mich direkt zu fragen, was da denn überhaupt dran sei. Stattdessen berichtete mir in regelmäßigen Abständen meine beste Freundin Frauke*, dass sie drauf angesprochen wurde und ich so regelmäßig aus der Bahn geworfen wurde. Ich wollte nicht darüber definiert werden und fand, dass es im Grunde auch niemanden etwas anging. Letztendlich war ich einfach noch nicht bereit dazu, Klartext zu reden und zu mir selbst zu stehen. Es hätte wahrscheinlich Vieles leichter gemacht, denn dann wäre es ausgesprochen und es würde nichts Interessantes mehr zu reden geben. Das ist wohl auch der essentiellste und ausschlaggebendste Schritt in jedem Outing, also zu sich und zu seiner Sexualität stehen zu können.

Du bist schwul, na und!?

Nach meinem Abi war ich immer noch nicht bei meinen Eltern geoutet, hatte noch nie einen Freund und war immer noch Jungfrau. Der Schritt, damals nach Berlin zu ziehen, war wohl das Beste, was mir in der Situation passieren konnte: Ich wurde aus der Kleinstadtidylle gerissen und mit dem Großstadtflair konfrontiert, in dem man absolut nichts besonderes mehr ist, weil hier schon jeder alles mindestens einmal gesehen und erlebt hat. Ich begann dort eine Ausbildung und hab mich auch auf Anhieb mit meinen auszubildenden Kollegen gut verstanden. Da die meisten direkt aus Berlin waren, war die erste Reaktion von meinen neu gewonnen Freunden auf mein „Ich bin Schwul.“ hier eigentlich sehr enttäuschend. Mehr als ein „Ja und nu!?“ und ein überaus ironisches „Herzlichen Glückwunsch“ kam nicht bei rum. Wie im Nu fing ich an zu begreifen, dass es keine Rolle spielt, ob ich an Frauen oder an Männern interessiert bin. Abgefahren war das, kann ich euch sagen, denn zu dem Zeitpunkt habe ich mich schon knapp 6 Jahre mit dem Thema beschäftigt und keine 3 Monate in Berlin haben gereicht, um mir meine engstirnige Kleinstadtsichtweise aus dem Kopf zu jagen.

„Mama, ich bin Schwul.“

Ich wusste immer, dass es für meine Eltern kein Problem ist, dass ich schwul bin. Ich habe zwar keine Geschwister, aber meine Eltern haben mich schon immer weltoffen erzogen und haben immer großen Wert auf Toleranz und Gleichberechtigung gelegt. Trotzdem habe ich es nie wirklich für nötig gehalten, das Gespräch zu suchen und mit ihnen darüber zu reden. Ich hatte keinen Freund, keine großartigen Erfahrungen und keine schwulen Freunde. Warum also sollte ich meinen Eltern sagen, dass ich schwul sei!? „Wenn ich mal einen festen Partner habe, den ich ihnen gern vorstellen würde, dann wäre wohl der richtige Zeitpunkt gewesen.“, dachte ich. Meine Mutter allerdings, die von Berufswegen her schon eine gute Menschenkenntnis hat, hat mir da einen Strich durch die Rechnung gemacht: Kein halbes Jahr nachdem ich ausgezogen war, fragte sie mich in einem Restaurant, ob wir nicht mal über was reden sollten. Zwar wusste ich genau, worauf sie hinaus will, überließ ihr aber das Wort und fragte nur mit einem grinsen: „Worüber denn!?“. Naja, sie wüsste ja, dass ich schwul sei und hatte sich nur Sorgen gemacht, warum ich es ihr noch nicht erzählt hätte.

Ich bin immer noch stolz darauf, wenn ich  Freunden und anderen Schwulen von dieser Geschichte erzähle, nicht selten habe ich dann leicht neidische Gesichter vor mir, die sich wahrscheinlich gerade das Gleiche von ihren Eltern wünschen würden. Besonders hier in Bayern fällt mir das sehr oft auf, denn auch mit 24 sind hier noch längst nicht alle geoutet.

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Das Versteckspiel hat ein Ende

Ich denke, dass es kein Zufall war, dass ich kurz nach diesen Meilensteinen in meinem Outingprozess meinen ersten Freund gefunden habe. ich war endlich bereit, nicht nur zu mir selbst zu stehen, sondern auch das zu verkörpern, was ich mir zwar immer gewünscht habe, aber sicherlich nicht bereit gewesen wäre offen auszuleben. Dass gerade er das dann nicht konnte und regelmäßig paranoid wurde, wenn ich seine Hand in der U-Bahn halten wollte, nennt man wohl Ironie des Schicksals.

Vom schüchternen Abiturienten zum engagierten Queer-Referenten im Fachschaftenrat

Heute, fünf Jahre nach meinem Abitur, kann ich mittlerweile sehr gut einschätzen, wann ich meinen Mitmenschen davon erzählen möchte und wann nicht. Nach wie vor habe ich es nicht auf der Stirn zu stehen und bin auch froh darüber, nicht sofort abgestempelt zu werden. Besonders hier in Bayern kann man sich so nämlich noch die ein oder andere Chance verbauen. In meiner beruflichen Karriere habe ich es bisher weitestgehend vermieden, dieses Thema anzusprechen, da ich meist im professionellen Miteinander nicht einschätzen kann, wie meine Kollegen auf so etwas Persönliches reagieren. In der Universität war ich ebenfalls bisher eher zurückhaltend, auch, weil der Altersdurchschnitt meiner Kommilitonen gefühlt bei 18 Jahren liegt. Allerdings ändert sich hier meine Einstellung allmählich: Heute lasse ich mich zum Queer-Referenten des Allgemeinen Studierenden Ausschusses meiner Universität wählen und werde somit erhobenen Hauptes auch in aller Öffentlichkeit dazu stehen und das Sprachrohr für alle LGBT-Studierenden in München darstellen. Ich freue mich schon mega auf die neuen Aufgaben, die mir begegnen werden und bin gespannt, wie meine Mitmenschen auf mein neues Amt reagieren werden.

Wer jetzt denkt, er müsse mit einem Porträtbild auf der Homepage seiner Universität mit regenbogenfarbenen Hintergrund abgebildet sein, um als geoutet zu gelten, den kann ich beruhigen: Niemand würde so etwas jemals erwarten und auch ich hatte bis vor drei Wochen noch nicht einmal einen Gedanken daran verloren, so öffentlich auftreten zu wollen. So lange du dich wohl fühlst mit dir selbst und mit dem Umgang mit deiner Sexualität, brauchst du dich nicht von dir selbst und erst nicht von anderen unter Druck setzen zu lassen. Sobald du aber merkst, dass dir jemand zum reden fehlt und dass du Panik bekommst, sobald ein Gesprächsverlauf tiefer geht, als nur bis zum Wetter und dem letzten Wochenendausflug, solltest du dich intensiver mit dir und deiner Sexualität auseinandersetzen. Deine Mitmenschen werden es dir danken, deine Eltern werden froh sein, dass du ihnen so viel Vertrauen schenkst und dein nächster Partner wird es wertschätzen, sich nicht wegen dir verstecken zu müssen. Du wirst es merken, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, das Gespräch zu suchen und dir irgendwann ein Herz fassen und die drei kleinen Wörtchen über die Lippen bringen: Ich. Bin. Schwul. 

Habedere,

Max

Was habt ihr für verrückte Reaktionen bei eurem Outing gehabt? Welche Sorgen treiben euch um, wenn ihr daran denkt, es jemandem zu erzählen? Und eure Eltern? Sind sie down mit euch und supporten euch hart? 😉 Erzählt es mir und uns, denn Sharing is Caring.

*Namen geändert.

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