Vergiss es, kein Mensch wird es so machen wie du!

Unser Denken und unsere Verhaltensweisen erklären wir gern zur Maxime der Allgemeinheit. Wir interpretieren, deuten und vermuten so, wie wir es uns am einfachsten erklären können. Dabei ist unsere eigene Sichtweise die für uns am einfachsten nachvollziehbare. Wir können uns gut in verschiedene Situationen hinein empfinden, können nachvollziehen, wie es sich anfühlt und können verstehen, wie schwierig es sein kann eine Entscheidung zu fällen. Meist können wir das doch aber nur, weil wir entsprechende Situationen schon einmal selbst erlebt haben. Deswegen erlauben wir uns auch, über solche Situationen und Entscheidungen im Nachhinein zu urteilen. Allerdings nur aus unserem eigenen Erfahrungsschatz heraus und nicht aus einer allumfassenden Draufsicht.

Es wird immer wieder passieren.

Wir kennen es alle und haben es alle schon einmal erlebt: Die Situationen, in denen wir uns das Verhalten unseres Gegenübers einfach nicht erklären können, obwohl doch unsere  eigene Lösung so klar und eindeutig erscheint. Das kann der beste Freund sein, der zu seinem Ex-Freund zurück geht, obwohl der ihn betrogen hat. Das kann der eigene Ex-Freund sein, der die Beziehung urplötzlich beendet hat. Und das kann ein Date oder eine Affäre sein, der sich auf einmal für jemand anderen entschieden hat, ohne darüber Bericht zu erstatten.

Alles keine angenehmen Dinge und sobald Emotionen im Spiel sind, scheint es uns schier unmöglich, auch nur ansatzweise die Sicht des anderen auf uns wirken zu lassen. Wir sind verärgert, fühlen uns ungerecht behandelt und hätten doch sowieso alles ganz anders und besser gemacht. Und überhaupt. Wir kennen ihn doch so gut und wissen eigentlich, dass er sowas nie gemacht hätte. Falsch. Wir haben es schon erlebt, wir werden es wieder erleben und es wird uns nach wie vor nicht gelingen, den anderen nicht dafür zu verurteilen, nicht so gehandelt zu haben wie wir es getan hätten.

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Der Versuch, etwas Besseres zu sein

Das Ganze ist eigentlich auch insoweit okay, solange wir wissen, warum wir so denken. Es ist eine Mischung aus Selbstschutz, Trotz, Verachtung und verletzter Stolz, was hier zu einer gefährlich explosiven Mischung werden kann. Wie gern ich damals meinem Ex-Freund gesagt hätte, was er für eine verweichlichte Pussy war, mit mir in einem 10 minütigem Skype-Gespräch Schluss zu machen, mit verwackelter Bildqualität und zittriger Stimme. Sowas würde ich ja nie machen. Jetzt, zwei Jahre später, eigentlich nachvollziehbar. Er lebte in München, ich in Berlin und wir sahen uns nur am Wochenende. Ich weiß nicht, ob ich noch Bock gehabt hätte, jemanden für ein Wochenende bei mir zu haben, für den ich gar nichts mehr empfinde, während der andere auf Wolke 7 zu schweben scheint.

Wenn ich könnte, würde ich die Zeit zurückdrehen

Seitdem mir das klar geworden ist, versuche ich ständig, mit einer universelleren Sichtweise die Dinge zu betrachten, mit denen ich mich im Alltag konfrontiert sehe. Das gelingt mal mehr mal weniger. Anfang Juli traf ich Sebastian*. Das erste Date bei ihm zu Hause, alles war irgendwie entspannt und vertraut. Angenehm einfach. Wir verbrachten circa 2 Monate miteinander und hatten eine schöne Zeit, doch irgendwas störte mich von Beginn an. Er ging völlig anders als ich mit seinen Gefühlen um, war viel zurückhaltender was uns betraf und gab mir anfangs ziemlich oft das Gefühl, nicht wirklich interessiert zu sein. Warum ich das Gefühl hatte? Weil ich mir sein Verhalten mit meiner eigenen, kleinen Welt und meinen eigenen, bisher gemachten Erfahrungen erklärte. Dumme Idee, wie sich später rausstellte, denn es war seine (jetzt irgendwie auch nachvollziehbare) Art, wie er mit seiner ‚Love Interest‘ umgeht. Die war für mich in dem Moment überhaupt nicht greifbar und so fing ich relativ schnell an, mich von der ganzen Sache zu distanzieren. Um mich selbst zu schützen. Um am Ende nicht wieder der Idiot zu sein, der die Zeichen nicht erkennt und sich Hals über Kopf in etwas Dummen verrennt.

Als ich dann jedoch nach einigen offenbarenden Gesprächen erkannte, wie es wirklich um uns für ihn bestimmt war, war es schon zu spät. Auch er fing an, sich selbst zu schützen und zog sich zurück. Etwas anderes wäre in dem Moment auch einfach nur selbstzerstörerisch gewesen, immerhin gab ich ihm zu keinem Zeitpunkt wirklich das Gefühl, seine Gefühle zu erwidern. Dennoch wurde mir im Nachhinein klar, dass ich hier etwas Großes habe gehen lassen müssen.

Wie kann man nur?!

Um an dieser Stelle noch einmal für mich und für ihn aufzuräumen und einen klaren und für beide Seiten fairen Abschluss zu finden, schrieb ich ihm eine Woche nach dem letzten Gespräch zwischen ihm und mir einen Brief. Ganz klassisch mit Kugelschreiber auf Papier, Briefumschlag und -Marke (Heutzutage ja doch irgendwie was seltenes). Ich ließ unsere gemeinsame Zeit Revue passieren und gab ihm das Gefühl von mir auch im Nachhinein noch wertgeschätzt zu werden. Doch auch hier hatte und habe ich in der darauffolgenden Zeit die falschen Erwartungen mit diesem Brief verknüpft, denn es kam nie auch nur eine einzige Reaktion zurück. „Wie kann man nur?!“, fragte ich mich, „Selbst wenn ich für jemanden absolut nichts mehr empfinden würde, wäre ich so gerührt und froh über so einen Brief, dass ich mich zumindest dafür bedanken würde und dem Anderen von Herzen alles Gute wünschen würde.“

Über Wertschätzung und Akzeptanz

Wie gesagt, es ist schwer, die eigene Sicht der Dinge zurückzustellen und zu verstehen, dass andere Menschen in den gleichen Situationen anders handeln als wir selbst. Vielleicht gibt es für ihn einfach nichts mehr zu sagen. Vielleicht hat er sich durch irgendetwas so verletzt gefühlt, dass auch das für ihn kein Grund mehr ist, mir ein Gefühl der letzten Wertschätzung zu geben. Vielleicht ist sein Neuer aber auch so präsent und ausfüllend, dass der Brief nach dem ersten Überfliegen im Müll landete. Ich werde es nie erfahren. Wichtig ist auch nur, zu wissen, dass er zu jedem Zeitpunkt seine Gründe hatte, so zu handeln, wie er es für richtig empfindet und das muss ich einfach akzeptieren. Zugegeben, das wird noch eine Weile dauern, aber niemand hat gesagt, dass es einfach wäre, zu akzeptieren.

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Also, was tun?

Das Einzige, was ich euch hier als Rat geben kann: Seid aufrichtig und ehrlich, fragt nach und sprecht Dinge offen an, bevor sie zu einem Problem werden, um von Anfang an nachvollziehen zu können, wieso etwas so und nicht anders geschieht. Niemand kann erwarten, dass wir alles richtig interpretieren und deuten können. Deswegen ist es umso wichtiger, offen zu kommunizieren und zu versuchen, zu verstehen und zu wissen, anstatt zu vermuten und zu schlussfolgern.

Habedere 

Max

*Name geändert.

Habt ihr schon einmal ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie seid ihr damit umgegangen? Und was habt ihr daraus gelernt? Habt ihr überhaupt etwas daraus gelernt oder passiert es euch immer wieder? Teilt es mit, denn Sharing is Caring!

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5 Gedanken zu “Vergiss es, kein Mensch wird es so machen wie du!

  1. Du hast recht, die meisten Menschen lassen sich in diesen Grundsatzentscheidungen, welche wirklich viel in ihrem Leben bewegen, nicht wirklich beeinflussen. Man kann Ihnen gut Zureden und versuchen seine eigene Sicht der Dinge zu erklären, allerdings muss das auch vom gegenüber gewollt werden.
    Wenn dieser sich bereits entschlossen hat oder nicht die Muße hat, eine zweite Meinung in seiner Entscheidungsfindung einzubeziehen, dann hat man keine Chance.
    Es ist natürlich von der eigenen beziehungsrelation zu der Person abhängig, also auf Familie oder den besten Freund wird eher gehört. Das absurde in meinen Erfahrungen bis war allerdings, dass wenn man sich mit seinem Partner streitet und man keine anständige Gesprächskultur hat, dann wird das annehmen eines Vorschlags von diesem zur „Niederlage“. Total absurd, wenn man es aus der Ferne betrachtet, aber doch auch nachvollziehbar, wenn man an die Urinstiknte von uns Menschen denkt.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Hans,

      du hast vollkommen recht, es kommt immer ganz auf die Beziehung zueinander an, die man hat. Sicherlich hat meine beste Freundin größeren Einfluss auf mich als der Hausmeister meiner Uni, dennoch sehe ich sie und ich sehe mich und erkenne hin und wieder gravierende Unterschiede in dem, wie wir mit bestimmten Situationen umgehen. Das ist überhaupt nicht schlimm, im Gegenteil, so geben wir uns gegenseitig Input aus verschiedenen Perspektiven.

      In einer Beziehung ist das noch etwas schwieriger. Man kennt die Person i.d.R. nicht so lang, wie ich meine beste Freundin (mittlerweile 8 Jahre) und kann deshalb schon automatisch nicht abschätzen, wie der andere handelt wird. Ihm dann Ratschläge zu geben oder gegebenenfalls von etwas anderem zu überzeugen kann schnell problematisch werden, wenn man ja gar nicht genau weiß, warum der andere es so machen will, wie er es eben gerade macht. Wenn du das Gefühl hast, dein Gegenüber empfindet es als Niederlage, deinen Ratschlag anzunehmen, dann ist vielleicht in der Kommunikation grundsätzlich etwas nicht ganz aufgegangen. Konntest du verstehen, warum dein Partner es nicht so machen wollte wie du? In einem Streit kochen schnell die Emotionen hoch und es wird sowieso unmöglich unvoreingenommen zu bleiben.

      Ob es in der Natur des Menschen liegt, seinen eigenen Weg als den einzig Richtigen zu betrachten, ist eine interessante These. Nach dem Motto „Survival of the fittest“ könnte man schauen, ob wir alle doch eher Eigenbrödler sind oder im Rudel besser miteinander klar kommen. Allerdings denke ich, dass der Mensch grundsätzlich lernfähig ist und sobald wir merken, dass unser Lösungsansatz zum dritten Mal nicht funktioniert hat und der Partner schon wieder Recht hatte, fangen wir an, zukünftig auf ihn zu hören.

      Viele Grüße,

      Max

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